Hoch am hellblauen Himmel unterhielten sich der Nordwind und die Sonne. Sie waren alte Nachbarn. Manchmal waren sie freundlich. Manchmal mochten sie es anzugeben.
„Ich bin der Stärkste“, wuschte der Nordwind. Er blies seine kalten Wangen auf.
„Ich bin stärker“, sagte die Sonne mit einem warmen Lächeln. Ihr goldenes Licht leuchtete sanft.
Sie schauten hinunter und sahen einen Reisenden, der eine Straße entlangging. Der Reisende trug einen großen, warmen Umhang. Er wickelte ihn um sich wie eine Decke.
„Lass uns einen Test machen“, sagte die Sonne. „Wer den Reisenden dazu bringen kann, seinen Umhang auszuziehen, ist der Stärkste.“
„Ha! Einfach“, brüllte der Nordwind. „Ich fange an.“
Der Nordwind holte tief Luft. Er blies und blies. Huuuu! Die Bäume bogen sich. Blätter tanzten in der Luft. Staub wirbelte um die Straße.
Der Reisende zitterte. „Brr!“, sagte er. Er zog seinen Umhang fest um seine Schultern. Er hielt die Ränder dicht unter seinem Kinn fest.
Der Nordwind blies härter. WUSCH! Er schickte einen wilden Windstoß die Straße hinunter. Der Hut des Reisenden flog fast weg, aber er packte ihn und hielt ihn fest. Er wickelte seinen Umhang noch fester und band ihn in einen Knoten.
„Ich muss mich warm halten“, sagte der Reisende durch klappernde Zähne. Er zog die Schultern hoch und ging weiter.
Der Nordwind versuchte es noch einmal. Er blies seinen größten, stärksten Stoß. Aber je härter er blies, desto fester hielt der Reisende seinen Umhang. Schließlich hatte der Nordwind keinen Atem mehr. Er keuchte und pustete und gab auf.
„Du bist dran“, brummte er zur Sonne.
Die Sonne lugte hinter einer kleinen Wolke hervor. Sie sandte eine sanfte, stille Wärme hinab. Es fühlte sich an wie eine weiche Umarmung.
Der Reisende spürte die Veränderung sofort. „Ahh“, seufzte er. Er lockerte den Knoten seines Umhangs. Er ließ ein bisschen warme Luft hinein.
Die Sonne schien ein wenig heller. Die Felder glimmerten. Die Steine auf der Straße erwärmten sich unter den Füßen des Reisenden. Ein Vogel sang.
Bald lächelte der Reisende. Er wischte sich die Stirn. „Es wird warm“, sagte sie. Er öffnete seinen Umhang. Die Sonne schien warm – freundlich und beständig, nicht zu heiß.
Schließlich streifte der Reisende seinen Umhang ab. Er faltete ihn über seinen Arm, glücklich und behaglich, und ging weiter die sonnige Straße hinunter.
Die Sonne wandte sich zum Nordwind. „Du siehst“, sagte sie leise, „sanfte Wärme kann tun, was Gewalt nicht kann.“
Der Nordwind nickte, jetzt still. Er hatte etwas Neues gelernt.
Und der Reisende, der nichts von ihrem kleinen Test wusste, ging seines Weges, leicht und fröhlich in dem goldenen Tag.
Moral: Sanfte Freundlichkeit und warme Überzeugung wirken besser als kalte Gewalt.
Ende
