Es lebten einmal ein König und eine Königin, die zwölf Söhne hatten. Der König wünschte sich so sehr eine Tochter, dass er einen harten und törichten Erlass machte. "Wenn eine Tochter geboren wird", sagte er, "müssen meine Söhne sterben, damit sie allein das Königreich erbt." Das Herz der Königin brach, als sie dies hörte. Sie liebte ihre Jungen mehr als alle Juwelen der Welt.
Heimlich ließ sie den Jüngsten kommen, dessen Name Benjamin war, und erzählte ihm alles. "Geh mit deinen Brüdern in den Wald", flehte sie. "Klettert auf die alte Eiche am Waldrand und schaut zum Palastturm. Ich werde dort eine Fahne aufhängen. Wenn ein Sohn geboren wird, hänge ich eine weiße Fahne auf, und ihr dürft alle zurückkehren. Wenn eine Tochter geboren wird, wird die Fahne rot sein. Dann lauft tiefer in die Wildnis, meine lieben Söhne, und rettet euch."
Die zwölf Brüder küssten ihre Mutter, versprachen tapfer zu sein und flohen in den Wald. Jeden Tag kletterte Benjamin auf die hohe Eiche und beobachtete den fernen Turm. Sie warteten und hofften. Aber eines Morgens hob der Wind ein Flattern von Rot – rot wie ein blutendes Herz – über das Palastdach. Benjamins Gesicht wurde blass. "Eine Schwester ist geboren", flüsterte er, "und unser Vater würde uns töten lassen."
Die Brüder bauten ein kleines Haus tief im Wald. Sie jagten, kochten und hielten einander sicher. Wut brannte in ihnen, und sie schworen einen bitteren Eid: "Weil ein Mädchen uns unser Zuhause gekostet hat, soll jedes Mädchen, das hierher kommt, sein Leben verlieren." Es war ein grausamer Schwur, aber Kummer hatte ihre Herzen hart gemacht.
Jahre vergingen. Im Palast wuchs die Tochter der Königin zu einem aufgeweckten jungen Mädchen heran. Eines Tages fand sie zwölf winzige Hemden mit goldener Stickerei, die in einer Truhe versteckt waren. "Mutter", fragte sie sanft, "wessen Hemden sind das?" Tränen füllten die Augen der Königin. "Sie gehörten deinen zwölf Brüdern", erzählte sie ihr und berichtete die ganze traurige Geschichte.
Das Mädchen band die kleinen Hemden zu einem Bündel und küsste ihre Mutter. "Ich werde meine Brüder nach Hause bringen", versprach sie. Sie lief und lief, bis der Wald sich um sie schloss. Schließlich kam sie zu einem kleinen Haus. Darin waren zwölf ordentliche Betten, zwölf Stühle und ein aufgeräumter Herd. Sie fegte den Boden, legte zwölf Teller auf und stellte Brot und Suppe auf den Tisch. Dann versteckte sie sich hinter einem Vorhang und wartete.
In der Dämmerung kehrten die Brüder von der Jagd zurück. "Wer ist hier gewesen?", riefen sie, als sie warmes Brot rochen und das Feuer sahen. "Ein Mädchen", sagte der Älteste und entdeckte die zwölf kleinen Teller, und sie griffen nach ihren Messern. Aber Benjamin hob seine Hand. "Lass mich zuerst schauen", sagte er.
Er zog den Vorhang zurück und fand das Mädchen mit dem Bündel Hemden. "Wer bist du?", fragte er, überrascht von ihren sanften Augen. Sie öffnete das Bündel und zeigte die winzigen Hemden. "Ich bin eure Schwester", sagte sie. Da schmolz Benjamins Herz. Er rief die anderen. Der harte Schwur fiel ab wie eine zerbrochene Kette, und sie eilten zu ihr mit Tränen und Lachen. Sie aßen zusammen, erzählten Geschichten bis spät, und Glück wärmte das kleine Haus.
Am nächsten Morgen sagte die Schwester: "Sagt mir, wie ich euch wirklich helfen kann." Die Brüder führten sie in einen Garten des Waldes, wo zwölf hohe weiße Lilien wuchsen. "Diese sind unsere Freude", sagten sie. Sie streckte die Hand aus, in der Absicht, eine Lilie für jeden von ihnen als Geschenk zu pflücken. Aber in dem Moment, als sie die Blumen pflückte, gab es ein wildes Rasseln von Flügeln. Die zwölf Brüder verschwanden, und zwölf schwarze Raben stiegen in den Himmel auf und schrien traurig, als sie davonflogen.
Das Mädchen fiel auf die Knie und weinte. Dann sprach aus den raschelnden Blättern eine Stimme wie ein Windhauch: "Du hast deine Brüder in Raben verwandelt. Es gibt nur einen Weg, sie zu befreien: Sieben Jahre lang darfst du nicht sprechen und nicht lachen. Wenn du ein einziges Wort äußerst, ist alles verloren."
Das Mädchen wischte ihre Tränen ab, stand auf und legte das Gelübde ab. Sie kletterte auf einen hohen Baum am Waldrand, um fern von Menschen zu sein, und dort hielt sie ihr Schweigen.
Eines Tages ritt ein junger König mit seiner Jagdgesellschaft vorbei. Er schaute nach oben und sah das stumme Mädchen im Baum, ihr Gesicht freundlich und tapfer. Er stellte ihr Fragen, aber sie antwortete nicht. Er brachte sie sanft herunter und nahm sie mit auf sein Schloss. Obwohl sie nichts sagte, sah der König ihre Güte und heiratete sie.
Die Mutter des Königs war jedoch eine harte, eifersüchtige Frau. Sie mochte ihre neue Schwiegertochter nicht. Als das erste Kind der Königin geboren wurde, stahl die alte Frau das Baby nachts und versteckte es. Dann flüsterte sie böse Lügen: "Deine stumme Königin hat ihr eigenes Kind gegessen." Der König wollte so etwas nicht glauben. Er liebte seine Frau und vertraute ihr.
Als das zweite Kind kam, wurde der gleiche grausame Trick gespielt. Wieder weigerte sich der König, an seiner Königin zu zweifeln. Aber als das dritte Baby verschwand, murmelten die Leute, und die alte Frau presste ihre Lügen wie Dornen in das Herz des Königs. Die stumme Königin konnte sich nicht mit einem einzigen Wort verteidigen.
Weil das Gesetz es verlangte, verurteilte das Gericht sie. Ein Tag wurde festgelegt, und ein großes Feuer wurde gebaut. Die Königin ging zum Richtplatz, den Kopf hoch erhoben. Sie hatte ihr Gelübde viele lange Tage und Nächte gehalten. Nun, als die ersten Flammen flackerten, kam das siebte Jahr zu seinem allerletzten Moment.
Plötzlich verdunkelte ein Rauschen von Flügeln den Himmel. Zwölf Raben stießen herab, kreisten um das Feuer und ließen sich auf dem Boden nieder. Im Handumdrehen fielen die schwarzen Federn ab, und da standen die zwölf Brüder, lebendig und unversehrt. "Halt!", riefen sie. "Unsere Schwester hat uns gerettet!"
Die Königin öffnete ihren Mund und konnte endlich sprechen. Sie erzählte dem König alles – von dem grausamen Erlass über die Waldhütte bis zum Schweigegelübde, das ihre Brüder befreit hatte. Auch die Brüder erzählten ihre Geschichte. Dann kam die Wahrheit heraus: Die alte Königin hatte die drei Babys versteckt. Diener wurden ausgesandt und fanden die Kinder sicher, eingewickelt und schlafend in einer geheimen Kammer.
Freude brach durch den Palast wie Sonnenlicht. Der König umarmte seine Frau und die Kleinen, und die zwölf Brüder hoben ihre Schwester hoch. Die böse alte Königin wurde bestraft, wie das Gesetz es befahl, und niemand weinte um sie.
Von diesem Tag an lebte die Familie in Frieden. Die junge Königin sprach, wenn sie wollte, lachte, wenn es ihr gefiel, und erzählte ihren Kindern und ihren Brüdern Geschichten. Der König regierte mit Gerechtigkeit, und von dem harten, törichten Erlass hörte man nie wieder. Und wenn sie je an einem Feld weißer Lilien vorbeigingen, lächelten sie und erinnerten sich daran, wie Liebe und Treue sie alle sicher nach Hause getragen hatten.
Ende
